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Friedhelm Mennekes: “PETRA LEMMERZ, Schwebende Substanzen.”

Seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens kennt diese Malerin aus Düsseldorf nur ein Thema: Malerei als Malerei, nichts als Malerei. Keine Abbildung, keine Darstellung, kein Inhalt. Ihre Bilder sind abstrakt und lassen sich in Form und Methode von den Gesetzen des Malens bestimmen, von Prozessen, Entwicklungen, Verläufen. Diese binden sich an physikalische Realitäten. Dazu gehören künstlerisches Handwerkzeug wie Stift und Griffel, Pinsel und Tube, Spritzen und Eimer; sie gestalten geologische Aggregatzustände – pulverisiert, körnig, versteinert oder flüssig. Es sind Alkohol und Farbe, Acryl und Pigment. Daraus entwickeln sich unter der kreativen Hand der Künstlerin immer neue Material- und Farbnuancen durch Kombinationen, Interaktionen, Kompositionen. Sie kreieren ein breites Feld ungewöhnlicher Erfindungen, eine dynamische Welt voller Bewegung, Verlauf und Entgrenzung.

Aus der Grundierung erheben sich Linie, Strich, Punkt und Komma; zentriert und umkreist, gerade, geschwungen, gewinkelt…, in Geraden und Winkeln, Aufschwung und Versinken, Kreise und Flecken. So laufen sie dahin, in Lachen gestaut in kleinen Rinnen, bis sie alle im Trockenen haften bleiben. Da stecken sie dann, gemischt, verwischt, überdeckt, durchlöchert… bis sich die Formen finden, die ihnen bestimmt sind, abstrakt und frei. Diese Bilder haben kein Ziel und kein Ende. Sie bilden nichts ab, sie bewegen sich – am Ende über sich hinaus. Doch zu ihrer Wirklichkeit gehört der Betrachter, der mit seinem Denken die intendierten und geladenen Energien zu benennen versucht. Aus der Dynamik erweckt er seine Bedeutungsebenen und transformiert sie, lebendig und kreativ über alles Vorgegebene hinaus.

Diese Malerei hat ihren Beginn in den frühen 80er Jahren. So nüchtern wie bedacht findet sie langsam zu ihrem Thema, den Farben. In vielfältigen Studien untersucht und entwickelt sie ihre Welt. Eine Farbe nach der anderen führt Petra Lemmerz in ihren Leinwänden vor, dabei entdeckt sie brillant deren Vielfalt und bringt sie ins Licht, in geballte Erscheinungen. Dann finden in den 90er Jahren subtile Differenzierungen zu neuen Formen und Verschlüsselungen. In das Objektive führt diese Künstlerin das Emotionale ein, Formen subjektiver Eindrücke in Entgrenzung und Weite, Traum und Sehnsucht, ohne je ins Romantische zu versinken. Zugleich überzieht sie geschwungene Linien und wechselwirkende Farbnachbarschaften in eine wachsende Vielfalt der Formen und baut über sie eine neue Einheit geballter Implosion auf. So entsteht auf der Leinwand aus dem Vielen eine Spannung im Ganzen, die sich schnell entladen kann, und zwar in einen angestauten Ausbruch in den Bildraum und die Umgebung des Bildes.

Ob diese Veränderungen im Augenblick explodieren, bleibt offen. Gleichwohl überlagern sie den Augenblick und das Umfeld mit ihrer Spannung, die bedrohlich wirkt und auf eine neue Freiheit aus ist. So bindet die Künstlerin die umgebenden Konstellationen in dieses Netz ein: die Lichtwinkel und Reflexionen, die Stimmungen und Perspektiven. Die Bildformen verlaufen jetzt nicht nur auf die Wand, sondern sie stehen mit ihren möglichen Veränderungen bedrohlich im Raum. Schon steht er irritierend vor den Augen des Betrachters mit einer bedeutungsvollen Veränderung. Vielleicht wollen die angestammten Querformate ihre Dominanz im Werk verlassen, ja gegeneinander aufstehen. Vielleicht fordern die hohen Räume des italienischen Schlosses mit ihren zehn Metern ihren Tribut. Jedenfalls verlassen die Bilder jetzt ihre angestammte Bodenhaftung und strecken sich die Formate jetzt auch in die Höhe. Schon das verändert das Werk insgesamt und strömt in völlig neue Konstellationen.

Diese Farben sitzen nach wie vor fest auf dunklem Bildgrund, den vielen Kampfjets auf einem Flugzeugträger vergleichbar. Dann heben sie kraftvoll ab und ziehen frei ins Weite, eine Farbe nach der anderen, erst im Red, Yellow and Blue, dann spannungsreich mit anderen vermischt, variiert und schließlich einfallsreich wie physikalisch konstruiert. Das Licht ruft sie zu sich empor. In nicht enden wollenden hervor Spuren füllen sie bestaunenswert den breiten Horizont mit Formen und Erscheinungen. Weiße Linien in bunten Wolken bringen das Licht in Bewegung und Tanz. Das ist sie, die Welt von Petra Lemmerz: ein beeindruckender, energiegeladener Kosmos.

Doch die Geschöpfe flüchten nicht ungebunden ins Freie. Sie sitzen fest im Netz aus Naturgesetzen und kosmologischen Gedanken. Einer davon ist die Schwerkraft. Buchstäblich liegen die Bildträger beim Malen vor ihr auf dem Boden. Im flachen Grund werden sie mit einer Grundierung ins Dunkle versetzt. Dann werden alle anderen Farben aus dem dunklen Grund hochgezogen. Vielschichtig, lebendig, in breiter Variation ungesehener Nuancen erstrecken sie sich in die Horizontale. Diese Bilder entstammen keiner aufrechten Staffelei, wackelig oder festgeschraubt. Am Boden werden sie gemischt und bleiben haften im horizontalen Format. Später dominieren sie in breiter Erstreckung den Horizont entlang. Ohnehin wäre ihre angestammte Hängung möglichst nah zu sich selbst, leicht über der Fußleiste. Und hängen sie höher, verweisen sie dennoch ins Weite. Bis zu zehn Meter lang können sie sein, bestens geeignet für Flure und Fluchten. Diese Malerei ist eine Kunst, die aus dem Boden kommt, wie vulkanische Eruptionen, die plötzlich in die Höhe schießen und dann auf die Erde fallen, strömen und auslaufen.

Auf ihrem Weg in die hohen Räume greifen sich die Bilder einen ‚schrägen‘, sich mehr und mehr verstörten Blick des Betrachters aus der Tiefe seines Bewusstseins, der gefangen wie aufmerksam vor ihnen steht. Zur Wirklichkeit dieser Bilderwelt gehören eben die Augen Anderer und ihre Anstrengung, mit den beladenen Energien umzugehen, und ihre Kräfte, sie dabei auch auf andere Bedeutungsebenen fragend zu transformieren. Er muss in diese Farben greifen, wie wenden im Bedenken und dann auf eigene Punkte frei lassen. So bleibt diese Malerei in seinem Griff und Blick, und die einzelnen Arbeiten, was sie sein sollen, „selbstbezügliche Beziehungsbilder“, wie Stefan Gronert sie einmal trefflich benannt hat. Zurrt der Betrachter sie aber begrifflich fest, wissen sie sich dem zu entwinden. Definiert sind sie tot. Auch das Denken muss vom Zweifel getrieben in Bewegung bleiben, über trial and error schwingen.

Oft werden die Bedeutungen dieser Bilder in die Vorstellungen von Ablagerungen von kosmischen Evolutionen geholt oder als stellarische Oberflächen interpretiert. Wieder andere vergleichen diese Weltentwürfe mit den Bildern am Rande flacher Salzseen. Geht man von hier aus einen Schritt weiter, wandeln sie sich zu kristallinen Letztformen, bevor sie in biomorphe Koexistenz transferieren. Oder es sind Tropismen, äußere Einwirkungen auf etwas Lebloses, das dadurch in eine Bewegung versetzt wird. Das Auf- und Abtauchen von Wasserpflanzen wie Seerosen oder Lotospflanzen durch Lichtveränderungen.

Solche Bedeutungsspiele kommen nicht von ungefähr. Sie lockern die Ratlosigkeit vor dem Bild, das allerdings ‚nur‘ Bild sein will. Gemeinsam ist diesen Verstehensversuchen der aufscheinende Aspekt der Dynamik im Werk von Petra Lemmerz. Verzichten wir daher weiter auf den Übergang in die Betrachtung einzelner Bilder und entwinden wir uns der staunenden Beschreibung und erregenden Erfahrung. Doch gehen wir der erregenden Erfahrung beim Anblick dieser unglaublich vielfältigen Malerei entlang, erleben wir sie so überraschend frisch, dann führt uns das Staunen zur Frage nach dem, ‚was sie zusammen hält‘, was ihren letzten Sinn ausmachen könnte. Hier führt uns ein Begriff weiter, der gerade in der Düsseldorfer Kunstwelt oft eine Erneuerung des Denkens auslöst. Das ist der philosophischen Begriff der Substanz. Joseph Beuys war hier der energetisch, denkerische Ursprung.

Zeit seines künstlerischen Schaffens hat sich Beuys mit dem Thema der Substanzen befasst. Der Vorgang, den dieser Begriff absteckt, hat mit Entwicklung und Evolution zu tun, ein Grundgedanke seiner Denk- und Formkraft. Im Gespräch mit Volker Harlan sagt er wörtlich; „meine Intention ist die Auseinandersetzung mit der Substanz, grundsätzlich“ Dieser Begriff hat mit der Wirksamkeit von Kräften zu tun, die es wahrzunehmen gelte, um sie dann auch gestalterisch prägen zu können. Beuys greift unter den Stichworten Materie, Form, Substanz, Potenz eine große Frage der Philosophie auf und erweist sich auch hier als sensibel, offen und empfänglich für erweiternde Fragestellungen in der Kunst.

Dem Wortsinn nach geht es bei der ‚Substanz‘ um das Bedenken des Darunterstehenden, d.h. dessen, was den immer wieder wechselnden Erscheinungen als das Bleibende vorausliegt. Kennzeichnend ist dabei die Frage nach dem, was letztlich seinen eigenen Stand in sich selbst hat, was sein ‚Sein‘ in sich und ‚für sich selbst‘ hat. Es ist die Frage nach dem, was allen Dingen innewohnt und worauf diese verweisen. Es ist jene Realität, die nicht mehr mit den Mitteln der Physik erreichbar ist, sondern nur noch gedanklich erfasst werden kann.

Die Substanz steht also bei Beuys nicht statisch, unbeweglich, unveränderbar im kosmischen Raum, sondern er begreift sie als das eigentliche movens, das entscheidend Bewegende; betrachtet er doch die Welt unter dem Aspekt ihrer Evolution. Die Kraft begegnet im Chaotischen, ihr entspricht der Mensch auf gedanklich-plastischer Ebene durch die Findung und Erfindung jeweils exakter Begriffe und Formen. Beuys weiß, dass das Erkenntnismäßige sich stark mit dem Willensmäßigen und mit dem Moralisch-Politischen berührt.

In dem bereits angesprochenem Gespräch mit Volker Harlan macht Joseph Beuys deutlich, dass sich in seinem Verständnis die Substanzen in eine übersinnliche, nicht mehr im Physischen vorhandene Substanz erstrecken, und fährt wörtlich fort: „Also der Zusammenhang mit dem geistigen Stoff gehört auch zur Substanzdiskussion, und nicht nur das, was man auf die Waage bringen kann und wo ein Gewicht den Zeigerausschlag erzielt, ist Substanz, es gehört dazu diese Diskussion vom sakramentalen Charakter bis hin zum Endstadium der Substanz, wo sie sich niedergeschlagen hat, etwa im Wachs, wo aber am Niederschlag sich noch der Prozess spürbar machen lässt, wenn man ihn in bestimmten Konstellationen anordnet oder bestimmte Experimente und Versuche damit macht.“

In vielen seiner Zeichnungen mit Bleistift, Blut oder brauner Farbe geht es Beuys experimentierend letztlich nicht um die Qualität der Farbe, sondern um ihre Substanz. Die Substanz will er erlebbar machen. Für ihn ist Farbe immer über alle Farbwerte hinaus eine Kraft, ja eine Substanz. Genau das wird erlebbar in der Farbwelt von Petra Lemmerz, aber weder abbildlich noch auch nur symbolisch. Es sind reale Prozesse, die bei ihr in farblichen Abstraktionen anklingen, und zwar real. Sie sind keine l’art pour l’art, sie sind reale Einfühlungen, die auf Anteilnahme, Eigenpotential und moralische Verantwortung abzielen. Es ist die Farbe und die ihr jeweils eigene Dynamik, die an keine Ende kommt, die sich im Betrachter ‚eindrückt‘ und sein Erleben in Gang setzt. Anteilnahme an einer Farbe, die mehr ist als sie selbst. Es ist ihre endlose Gerichtetheit, ihr ‚Hinaus‘ über alle physikalische Materialität, eben Substanz. In beiden verhandelt diese Künstlerin große, kosmische und evolutionäre Zusammenhänge.

Hier könnte man von einer Berührung zweier so unterschiedlicher Kunstwerke wie derer von Beuys und Lemmerz sprechen. Sie berühren sich im Farbkonzept. Für beide Künstler ist Farbe sowohl eine physikalische als auch künstlerische Potentialität. Beider Umgang mit Farbe und deren Untersuchungen gehen über die Materialität der Farben hinaus. Sie sind Träger von Energien, die kosmische Prozesse auslösen, eben Substanzen. Ihre malerischen Auseinandersetzungen mit den Farben sind für diese beiden Künstler aus Düsseldorf über alle Zeitbezüge hinaus lebendige, d.h. frei schwebende Substanzen.

Es ist schon angeklungen. Die Bilderwelt von Petra Lemmerz wird durch nichts anderes getragen als von der freien Abstraktion, kein Inhalt, kein Konzept, kein Auftrag. Das gilt für die Tropismen; das gilt am Ende aber auch vom Gedanken der ‚bewegten Substanz. Das Problem, diese Welt zu begreifen, ist ein Problem des Betrachters. Und der hat für sich zu lösen. Dabei muss er alle sogenannten Fangarme nutzen, wie sie die Künstlerin für ihn irritierend auslegt. Nur so kann er diese Welt in ihrer bestaunenswert vielfältigen und an Farben reichen Ästhetik in ein neues Verstehen transferieren.
Für Beuys besitzen diese allgemeinen, offenen, lebendigen, fließenden Substanzen Wärmecharakter. Sie verfügen über „soziale Wärme. Es ist wohl haargenau dasselbe, was die eigentliche Liebessubstanz. Sie hat sakramentalen Charakter.“

Friedhelm Mennekes

PETRA LEMMERZ, Eiskellerberg, Düsseldorf, 03.09.2009 “Schön – antiklassisch.”

In der Tiefsee tobt ein Krieg. Mit hochtechnisierten Waffen. Mancher Fisch lockt sein Opfer mit einer kleinen Laterne direkt ins eigene Maul, andere spritzen Tinte auf Verfolger. Und dann gibt es da Würmer, die Bomben werfen – grün leuchtende, genaugenommen. Sekundenlang schweben die Kugeln im Wasser, und wenn sie langsam wieder verblassen, ist ihr schlangenförmiger Geschossträger im Dunkeln verschwunden. Der Angreifer schaut ins Leere. Sieben neue Arten von Borstenwürmers konnten unlängst in den Tiefen des pazifischen Ozeans entdeckt werden. Die Tiere bilden zusammen eine eigene Gattung, die Swima. Fünf davon sind mit den Leuchtbomben ausgestattet. Sie setzen die Leuchtkugeln ein, um ihre Feinde abzulenken, während sie fliehen. Zwischen zwei – und dreitausend Metern Tiefe vor der amerikanischen Westküste und vor den Philippinen wurden die sonderbaren Würmer geortet. Interessant ist der Fund auch deshalb, weil man innerhalb kürzester Zeit gleich eine ganze Gruppe neuer Borstenwürmer gefunden hat. “Das zeigt”, so endet der kurze Bericht, “wie wenig bisher über die Tiefsee bekannt ist”.

Petra Lemmerz ist begeisterte Leserin solcher Forschungsberichte aus “Natur und Wissenschaft”, wie sie mir beim Atelierbesuch verriet – und mehr noch sieht sie sich mit Begeisterung die farbigen Bilder der Wissenschaft an, wie sie etwa die FAZ jeden Mittwoch veröffentlicht. Erstaunlich farbintensive Bilder aus der Tiefe des Pazifiks, Aufnahmen fluoreszierender Gehirnzellen, oder Megavergrösserungen menschlicher Blutbahnen und Blutkörperchen, mikroskopische Fotografien von Kleinstlebewesen oder Zellstrukturen. Aber darum ist Petra Lemmerz noch keine Tiefseemalerin und auch keine Malerin unseres zellulären Innenlebens. Sie sieht sich die Aufnahmen aus dem Bereich der avancierten Wissenschaften mit Vergnügen an und erkennt eine teils verblüffende Nachbarschaft zu ihren grossformatigen, farbenfrohen Gemälden – so wie sich vielleicht einst Picasso die afrikanischen Plastiken ansah, nachdem er in seine kubistische Phase eingetreten war. Er erkannte eine Verwandtschaft, aber sie waren weder sein Thema noch seine Vorlage.

Und die Farbnebel, Farbexplosionen, Farbkorpuskel und Farbräusche, die wir auf den Bildern von Petra Lemmerz erkennen, sind ja ganz eigene künstlerische Findungen und Erscheinungen, die denen der Natur eben nur verblüffend ähnlich sehen.

Klassik – Gegenklassik

Mich aber brachte der Hinweis auf die Unterwasserwelt des pazifischen Ozeans auf einen Begriff, der in einer anderen Tiefenforschung eine gewisse Rolle spielt, das “Ozeanische Gefühl”. Siegmund Freud benutzt den Begriff in seiner Schrift “Das Unbehagen in der Kultur” aus dem Jahr 1929. Der Aufsatz beginnt mit dem berühmten Satz: “Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschen gemeinhin mit falschen Massstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen. Und doch ist man bei jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr, die Buntheit der Menschenwelt und ihr seelischen Leben zu vergessen …”

Bald kommt Freud auf das Lustprinzip zu sprechen, von dem sich das Rechtsprinzip scheidet. Das “Ozeanische Gefühl” ist etwas Unbegrenztes, Schrankenloses, gleichsam Ozeanisches, eine Art allumfassendes Urgefühl jeder Kultur. Diese aber ist auf Triebverzicht aufgebaut. “Es ist unmöglich zu übersehen,”, so Freud, “in welchem Ausmass die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist, wie sehr sie gerade die Nichtbefriedigung (Unterdrückung, Verdrängung oder sonst was?) von mächtigen Trieben zur Voraussetzung hat”. Diese “Kulturversagung” beherrscht dass grosse Gebiet der sozialen Beziehungen der Menschen, sie ist die Ursache der Feindseligkeiten, … gegen die alle Kuturen zu kämpfen haben” (Freud) Es ist aber gar nicht so ungefährlich, einem Trieb die Befriedigung zu entziehen. Infolge des Kulturprozesses durch Triebsublimierung kommt nämlich die Angst ins Spiel, Gewissen, Schuldgefühl, Reue, Strafbedürfnis und endlich kommt es zu Aggression und Selbstvernichtung.

Ich will es mit meiner Freud-Vorlesung hier nicht zu weit treiben. Sie werden sich ohnehin schon längst fragen, was das alles mit den tiefen, herrlichen, bezaubernden wie befreienden, atemberaubend schönen, farbenprächtigen Bildern von Petra Lemmerz zu tun hat. In ihrer “Ozeanischen Malerei” kommt aber vielleicht eine Erinnerung an jenes Urgefühl zum Ausdruck, das vor allem kulturbedingten Triebverzicht herrschte. Die Menschen haben es in der Beherrschung der Natur so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leichter haben, einander bis auf den letzten Menschen auszurotten und die natürlichen Lebensgrundlagen zu vernichten. Daher ein gutes Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihrer Angststimmung – wie auch ihrer Sehnsucht nach einem paradisischen Gegenbild.

CARL-FRIEDRICH SCHRÖER.